Ländlichkeit

Ländliche Räume sind komplex, vielfältig und dynamisch. Dies drückt sich u. a. in unterschiedlichen Landschaftstypen, Siedlungs- und Wirtschaftsstrukturen aus. Oftmals werden sie mit einer lockeren Wohnbebauung, einer geringen Siedlungs- und Bevölkerungsdichte sowie einem hohen Anteil an land- und forstwirtschaftlichen Flächen fernab der Großstädte assoziiert. Während in der Vergangenheit eine Abgrenzung auf Grundlage der Anzahl an Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft vorgenommen wurde, greift dies heute zu kurz. Zugleich greift die Darstellung als Restkategorie – im Unterschied zu Ballungsräumen oder einer infolge des demografischen Wandels strukturell abgehängten Peripherie – zu kurz (Penke 2012).

Insgesamt wird deutlich: Den einen ländlichen Raum gibt es nicht. Auch von offizieller Seite der Raumordnung gibt es keine übergreifend akzeptierte Definition ländlicher Räume. Dies spiegelt sich insbesondere in den voneinander abweichenden regionalstatistischen Typologien wider:

  • Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD 2016) sowie die Europäische Union (Eurostat 2018) unterscheiden zwischen „überwiegend städtischen Regionen“, „Zwischenregionen“ und „überwiegend ländlichen Regionen“. Die Klassifikation basiert auf einem dreistufigen Verfahren, das die Definition ländlicher Gemeinden anhand der Bevölkerungsdichte, den Anteil der hier lebenden Bevölkerung in einer Region sowie die Größe der städtischen Zentren einbezieht. Die OECD ergänzt in ihrer Klassifikation drei Typen ländlicher Standorte: „Ländlich innerhalb eines funktionalen städtischen Gebietes“, „Ländlich außerhalb, aber in unmittelbarer Nähe zu einem funktionalen städtischen Gebiet“ sowie „Ländlich peripher“.
  • Auch Eurostat (2018) nutzt die Unterscheidung zwischen „überwiegend städtischen Regionen“, „Zwischenregionen“ und „überwiegend ländlichen Regionen“. Die Klassifizierung geschieht auf Grundlage der des Anteils der ländlichen Bevölkerung.
  • Die Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR 2017) unterscheidet zwischen den siedlungsstrukturellen Kreistypen „dünn besiedelte ländliche Räume“, „ländliche Kreise mit Verdichtungsansätzen“, „städtische Kreise“ und „kreisfreie Großstädte“. Für die Typeneinteilung wird der Bevölkerungsanteil in Groß- und Mittelstädten und die Bevölkerungsdichte mit und ohne Einbeziehung der Groß- und Mittelstädte herangezogen. Ländliche Kreise bilden den „ländlichen Raum“, städtische Kreise den „städtischen Raum“.
  • Die Typisierung des Thünen-Instituts nach Küpper (2016) bezieht Merkmale zur Bevölkerungs-, Siedlungs- und Flächenstruktur sowie die Erreichbarkeit mit ein. Die Indikatoren werden zu einem Index verschnitten, der den Faktor Ländlichkeit abbildet. Ländlichkeit wird dabei als Kontinuum zwischen Metropole und Peripherie verstanden. Dabei wird zwischen „sehr ländlichen Räumen“, „eher ländlichen Räumen“ und „nicht-ländlichen Räumen“ unterschieden. Das BMEL greift auf die Typologie des Thünen-Instituts zurück und nutzt diese z. B. als Grundlage für ihren Landatlas.

Im Projekt „Strategische Kooperationsregionen in ländlichen Räumen“ orientierten sich die Projektpartner*innen an der Typisierung des Thünen-Instituts. Das Kontinuum-Modell eröffnet eine Näherung an die Komplexität ländlicher Räume. Diese Abgrenzung ordnet – anders als die Typisierung des BBSR – auch kleinere Städte dem ländlichen Raum zu. Nach dieser Abgrenzung zählen 90 Prozent der Fläche Deutschlands zu den ländlichen Räumen. Auf ihr leben 57 Prozent der Bevölkerung.

Bearbeitung: Sprint PartG auf Grundlage von Küpper (2016)

 

Quellen:

BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt und Raumforschung (2018): Siedlungsstrukturelle Kreistypen. Laufende Raumbeobachtung – Raumabgrenzung. www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/forschung/raumbeobachtung/Raumabgrenzungen/deutschland/kreise/siedlungsstrukturelle-kreistypen/kreistypen.html

Eurostat (o.J.): Urban-rural typology. https://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php?title=Glossary:Urban-rural_typology

Küpper, P. (2016): Abgrenzung und Typisierung ländlicher Räume. Thünen Working Paper 68. Braunschweig: Johann Heinrich von Thünen-Institut. www.econstor.eu/bitstream/10419/148398/1/874961904.pdf

OECD – Organisation for Economic Co-operation and Development (2016): Understanding rural economies. www.oecd.org/cfe/regional-policy/OECD_regional_typology_Nov2012.pdf

Penke, S. (2912): Ländliche Räume und Strukturen – mehr als eine „Restkategorie“ mit Defiziten. In: Debiel, S.; Engel, A.; Hermann-Stietz, I.; Litges, G.; Penke, S. & Wagner, L. (Hrsg.), Soziale Arbeit in ländlichen Räumen (S.17–27), Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.